Völkermord in Zeitlupe

Diese Woche am 7. Oktober jährte sich zum dritten Mal der Überfall der Hamas auf Südisrael und der Beginn des genozidalen Krieges in Gaza; und morgen, am 10. Oktober jährt sich zum ersten Mal der Beginn des sogenannten „Waffenstillstandes“. Eine Bilanz in Zahlen:

Seit Beginn des „Waffenstillstandes“ ist die Zahl der israelischen Angriffe in Gaza zwar deutlich zurückgegangen, doch beendet wurden sie nie. Seit 10. Oktober 2025 hat Israel Gaza durchschnittlich an neun von 10 Tagen angegriffen. Nur 36 Tage vergingen ohne Angriff.

Im ersten Kriegsjahr tötete die israelische Armee durchschnittlich 114 Menschen pro Tag, im zweiten Jahr waren es 69, im Jahr des „Waffenstillstandes“ waren es 4. Insgesamt tötete die israelische Armee seit Beginn des „Waffenstillstandes“ mehr als 1.400 PalästinenserInnen und verwundete mehr als 5.000.

Im ersten Kriegsjahr zählte UNICEF mindestens 14.000 getötete Kinder in Gaza, im Durchschnitt 48 pro Tag. Im Jahr des „Waffenstillstands“ war es durchschnittlich eines pro Tag.

Ende August hatte Israel die Waffenstillstandsvereinbarung 4.379 Mal gebrochen. Gazas Zivilschutz schätzt, dass noch mehr als 8.000 Tote unter den Trümmern liegen. Israel blockiert die Einfuhr der Geräte, die für die Bergung nötig wären. Dennoch konnte der Zivilschutz Gazas inzwischen mehr als 800 Tote unter den Trümmern bergen. Sie wurden teilweise in Massenbegräbnissen beerdigt.

Zum Zustand des Gesundheitssystems in Gaza: Anfang Oktober 2025 waren 14 der 36 Spitäler Gazas teilweise funktionsfähig. Nun, nach einem Jahr „Waffenstillstand“ sind es 19. Nach wie vor ist kein einziges Krankenhaus voll funktionsfähig.

Zur Versorgungslage: Die Waffenstillstandsvereinbarung sah vor, dass jeden Tag 600 LKW mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gelangen. Tatsächlich waren es seit 10. Oktober 2025 durchschnittlich ca. 200 pro Tag. Das ist viel zu wenig, zumal aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen und humanitären Situation die übergroße Mehrheit der EinwohnerInnen Gazas von humanitärer Hilfe abhängig ist. Die Preise auf den Märkten und in den Geschäften waren schon einmal höher, liegen aber immer noch 200 Prozent über dem Vorkriegsniveau – für die meisten Menschen unerschwinglich. Ende August hatte mehr als die Hälfte der Einwohner Gazas nur 6 Liter Trinkwasser pro Tag zur Verfügung. Als Minimum gelten 15 Liter.

Während des „Waffenstillstandes“ brachte die israelische Armee noch mehr von Gazas Territorium unter ihre Kontrolle. Sie kontrolliert nun ca. 60 Prozent von Gaza. Das von der israelischen Armee kontrollierte Gebiet ist eine „No-go“-Zone für die palästinensische Bevölkerung. Palästinenser, die die imaginäre „Gelbe Linie“ überschreiten, werden ohne Vorwarnung getötet. Mehr als zwei Millionen Menschen leben nun also auf etwa 40 Prozent des Territoriums von Gaza, die meisten in Zelten oder in Ruinen, zwischen Bergen von Schutt und Müll. 90 Prozent der Bevölkerung Gazas wurde vertrieben, viele davon mehrfach.

Nach zwei Jahren der Leugnung akzeptiert Israel nun die offiziellen Todeszahlen der Behörden in Gaza als korrekt: Inzwischen sind mehr als 74.000 Todesopfer namentlich dokumentiert. Mehr als 21.000 davon sind Kinder. Internationale Experten gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus.

Mehr als 175.000 Menschen wurden verwundet. Viele Menschen, auch viele Kinder, haben Arme und Beine verloren. Indessen blockiert Israel die Einfuhr von Rollstühlen und anderen Hilfsmitteln und Heilbehelfen. Die Vertreterin der WHO in Palästina, Reinhilde Van De Weerdt, berichtete, dass eine Ladung mit Prothesen und anderen Behelfen innerhalb der vergangenen sechs Monate vier Mal von den israelischen Behörden zurückgewiesen worden sei. Blockiert werden unter anderem auch Röntgengeräte, Sterilisationsgeräte und Ersatzteile für CT-Scanner. In Gaza gibt es kaum noch funktionierende Mammographiegeräte. Auch an Medikamenten, unter anderem zur Behandlung von Krebs, mangelt es. Von sechs Grenzübergängen nach Gaza ist derzeit nur einer für Hilfslieferungen geöffnet.

In dem Waffenstillstandsabkommen wurde auch vereinbart, dass eine bestimmte Zahl von Menschen zum Zweck medizinischer Behandlung Gaza verlassen darf. Israel blockiert jedoch auch die Ausreise von Schwerkranken und Verwundeten. Nur etwa ein Drittel der vereinbarten Anzahl von PatientInnen durfte tatsächlich ausreisen. Dies ist übrigens eine Sache, die ich nicht verstehe: Israel möchte doch, dass möglichst viele PalästinenserInnen den Gazastreifen verlassen. Warum wird also hier in großem Maßstab Ausreisewilligen die Ausreise verweigert? Ist das einfach nur Bösartigkeit, oder liegt es doch daran, dass Israel die Palästinenser lieber tot sehen möchte als im Exil lebend?

Aktuelle Satellitenbilder zeigen eindrücklich das Ausmaß der Zerstörung in Gaza. Während des „Waffenstillstandes“ setzte die israelische Armee die systematische Zerstörung fort. Nach Erkenntnissen des Satellitenzentrums der Vereinten Nationen (UNOSAT) stieg die Anzahl der zerstörten Gebäude in Gaza seit Anfang Oktober 2025 um neun Prozent. Nach Angaben der UNRWA wurden in Gaza etwa 200.000 Gebäude in Gaza beschädigt, davon zwei Drittel vollständig zerstört.

Quelle: https://aje.news/a9qx0f?update=4997355

Selbstverständlich können Zahlen allein das Leiden der Menschen in Gaza nicht annähernd angemessen vermitteln. Daher hier einige Links zu Videos aus dem „Archiv des Völkermords“ (archivegenocide.com), die die Realität des „Waffenstillstands“ aus der Perspektive der Opfer zeigen. Warnung: Diese Bilder sind teilweise schwer zu ertragen und schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Empfindliche Personen sollten auf das Anklicken vielleicht verzichten.

Es existieren Zehntausende solcher Videos, die im Internet frei zugänglich sind. Niemand kann sagen, man habe es nicht wissen können.

Man darf nicht vergessen: Für die Menschen in Gaza ist dies die tägliche Realität, und sie haben nicht die Wahl, einfach nicht hinzuschauen oder es wegzuklicken. Selbst mit geschlossenen Augen können sie dem Grauen nicht entkommen. Der Geruch des Todes muss in Gaza nahezu allgegenwärtig sein, ebenso wie das Brummen der todbringenden israelischen Drohnen. Nicht zu vergessen die Erschöpfung der Körper und der Seelen durch das Leben in überfüllten Zelten, dem täglichen Kampf um Nahrung und Wasser, den Qualen, die durch Ungeziefer und Krankheiten entstehen, und nicht zuletzt: dem Mangel an Toiletten.

Es ist zutiefst bewundernswert, wie die Menschen in Gaza in dieser eigentlich unerträglichen Situation versuchen, so etwas wie Normalität herzustellen, ihre Lage irgendwie doch erträglich zu machen. Wie sie es schaffen, Schulunterricht zu organisieren, wie sie – vor allem für die Kinder – immer wieder kleine Funken der Freude generieren, und wie sie anderen helfen, denen es noch schlechter geht. So wie zum Beispiel Mohamed Tamous. Der junge Mann arbeitete als Freiwilliger beim Zivilschutz. Am 7. Oktober war er unterwegs zu einem Einsatz in der Nähe des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Beit Lahiya in Nordgaza, um Verwundeten zu helfen. Er erreichte den Einsatzort nicht mehr. Er war einer von vier PalästinenserInnen, die an diesem Tag in Gaza von der israelischen Armee getötet wurden.

Eine Reporterin von Al Jazeera bringt es so auf den Punkt: „Vor einem Jahr hat man den Palästinensern einen Waffenstillstand versprochen. Bekommen haben sie einen Krieg in Zeitlupe.“ Ich sage: Es ist ein Völkermord in Zeitlupe.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/video/by-the-numbers-3/2026/10/7/what-does-a-year-long-ceasefire-in-gaza-look-like#flips-6406406172112:0

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/10/7/jerusalem-daily-gazas-devastation-three-years-after-october-7#flips-6406431172112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/10/3/who-warns-of-devastating-consequences-due-to-delayed-aid-entry-into-gaza

ttps://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/10/3/israeli-air-attack-on-residential-apartment-in-gaza-kills-5-palestinians#flips-6406160472112:0

https://aje.news/qon8fe?update=5007610

https://aje.news/ckzmrg?update=5003777

https://aje.news/a9qx0f?update=4997355

https://www.aljazeera.com/news/2026/9/29/satellite-images-show-gaza-in-ruins-three-years-into-israels-genocidal-war

https://aje.news/a9qx0f?update=4997953

https://aje.news/a9qx0f?update=4997940

https://archivegenocide.com

https://www.aljazeera.com/news/2026/10/7/israeli-attacks-across-gaza-kill-at-least-four-palestinians

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Kommentare

Eine Antwort zu „Völkermord in Zeitlupe“

  1. Guten Tag.

    Erinnern darf weder das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 noch das Leid und Sterben der Menschen in Gaza relativieren. Doch auch schwerste Verbrechen rechtfertigen keine kollektive Schuldzuweisung. Der Begriff Völkermord verlangt nach der UN-Konvention den Nachweis einer spezifischen Vernichtungsabsicht; die abschließende Entscheidung im Verfahren Südafrika gegen Israel steht noch aus.

    Warum also Tätern pauschal einen „Völkermord in Raten“ zuschreiben, statt individuelle Verantwortung rechtsstaatlich zu prüfen? Jedes Opfer verdient Erinnerung, unabhängig von Herkunft, Religion oder Nationalität. Menschenwürde ist unteilbar – und Gerechtigkeit darf weder selektiv noch parteiisch sein.

    Quellen: UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes; Internationaler Gerichtshof, Verfahren Südafrika gegen Israel.

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